"Moora" - Das Mädchen aus dem Moor

Foto: NLD
Die älteste Moorleiche Niedersachsens wurde im Großen Moor bei Darlaten/Uchte im Jahr 2000 bei Torfarbeiten gefunden. Zunächst wurde der Fund als neuzeitlich datiert und der Nienburger Polizei gemeldet. Nachdem fünf Jahre später desweiteren eine Hand, die zum übrigen Leichenbefund passte, an der gleichen Stelle entdeckt wurde, konnte nach dem Einschalten des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD) die staatsanwaltliche Akte geschlossen werden: Der Todeszeitpunkt konnte ermittelt und in das Jahr 650 vor Chr. datiert werden.
Der Geistesgegenwart der Verantwortlichen des NLD ist es zu verdanken, daß aus dem Befund der ältesten Moorleiche Niedersachsens ein interdisziplinäres Projekt entstehen konnte, daß nicht nur den Menschen dieser frühen Zeit, sondern auch die Landschaft und Lebensbedingungen der vorrömischen Eisenzeit eingehend untersuchen ließ.
„Unter Beteiligung einer Vielzahl … wissenschaftlicher Institutionen erforschen Archäologen, Rechtsmediziner, Radiologen, Anthropologen, Paläopathologen, Zahnmediziner, Chemiker, Geowissenschaftler, Paläobotaniker und Kriminalisten die wissenschaftlich als „Mädchen aus dem Uchter Moor“ eingeführte Moorleiche und ihr Lebensumfeld.“ 1

„Die Tote selbst und die besonderen Bedingungen ihres Fundortes eröffneten einmalige Möglichkeiten, in das Leben der Menschen zur damaligen Zeit Einblicke zu nehmen“, formuliert der Niedersächsische Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann. „Moorleichen erlauben aufgrund ihrer einzigartigen Erhaltungsbedingungen einmalige Einblicke in die prähistorische Vergangenheit. Der etwa 2.650 Jahre alte Fund eines so gut erhaltenen Körpers ist zudem von besonderer Bedeutung, weil die Menschen in der so genannten vorrömischen Eisenzeit nach ihrem Tod verbrannt wurden.“ 2

Die durch einen Hörer- und Zuschauerwettbewerb des NDR mit dem Namen „Moora“ benannte Moorleiche hat zu einer Vielzahl von neuen Erkenntnissen geführt, die in einer ersten Monografie erschienen sind.  Das von A. Bauerochse, H. Haßmann und K. Püschel herausgebene Buch "„Moora” - Das Mädchen aus dem Uchter Moor. Eine Moorleiche der Eisenzeit aus Niedersachsen", fasst die wesentlichen wissenschaftlichen Ergebnisse zusammen. Ein weiterer Band soll folgen.


Foto: NLD
Prof. Püschel, Dr. Haßmann, Prof. Wanka
und Dr. Winghart in der Restaurierungs-
werkstatt des NLD vor der Moorleiche Moora
„Die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Prof. Dr. Johanna Wanka zeigte sich von den präsentierten neuen Forschungsergebnissen beeindruckt: „Die gelungene Rekonstruktion der Gesichtszüge einer über 2600 Jahre alten Moorleiche ist eine wissenschaftlich herausragende Leistung. Die gewonnenen Erkenntnisse über das Aussehen, aber auch über die Lebensverhältnisse unserer Vorfahren sind archäologische Entdeckungen von besonderem Wert. ´Moora' wird damit auch zum Sinnbild für gelungene interdisziplinäre Zusammenarbeit im Rahmen des Forschungsförderprogramms PRO*Niedersachsen,“ zitiert das Archäologieportal des NLD.

 

Das Leben von „Moora“


Foto: C. S. Fuchs, NLD,
Daumen rechter Hand
„Der Paläopathologe Prof. Dr. Dr. Michael Schultz von der Universitätsmedizin Göttingen erläuterte anlässlich der Pressekonferenz am 20.1.2011 die neusten medizinischen Erkenntnisse über das Mädchen aus dem Uchter Moor und unterstrich die Bedeutung der Moorleiche als "biohistorische Urkunde".
Prof. Schultz hat mit seinem Team in enger Zusammenarbeit mit der von Prof. Klaus Püschel koordinierten Gruppe am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf detaillierte Erkenntnisse über „Mooras“ Leben gewonnen.
„Moora“ litt wohl - trotz ihres jugendlichen Alters von etwa 16 bis 19 Jahren –  aufgrund körperlicher Überlastung an Beschwerden der Extremitäten- und Wirbelsäulengelenke. Auch weist ihr Skelett an beiden Ober- und Unterschenkeln Spuren einer noch nicht ganz geklärten Erkrankung auf, die wohl auf eine Infektionskrankheit oder auf eine Mangelerkrankung zurückzuführen sind. Zwei gut überlebte, durch stumpfe Gewalteinwirkung verursachte Schädeldachfrakturen deuten möglicherweise widrige Lebensumstände im sozialen Umfeld an. Als Ursache vermutet Schultz einen Unfall oder "Moora" hat heftige Schläge auf das Stirnbein erhalten. Weiterhin konnte ein gutartiger Tumor an der Schädelbasis nachgewiesen werden. "Moora" litt auch an einer Hirnhautentzündung, die wohl tuberkulösen Ursprungs war und sich in Abheilung befand. Sogenannte Bagatellerkrankungen die damals in der „Vor-Antibiotika-Zeit“ durchaus über eine Blutvergiftung zum Tode führen konnten, konnten ebenfalls nachgewiesen werden (z.B. Kieferhöhlenentzündung).
Die Professoren Schultz und Püschel sind sich sicher, dass "Moora" ganz sicher nicht zu einer privilegierten Schicht gehörte. Woran "Moora" letztendlich gestorben ist, bleibt aber weiterhin eines ihrer Geheimnisse.“

Text mit freundlicher Genehmigung des NLD aus:
www.archaeologieportal.niedersachsen.de/moora/palaeopathologie.html


Foto A. Bauerochse, NLD
Computergestützte Auswertung von Mikro-CT
Aufnahmen bei den Untersuchungen der
Universitätsmedizin Göttingen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Moora“ erhält ein Gesicht
„Prof. Dr. Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf  erläuterte auf der Pressekonferenz am 20.1.2011 die Ergebnisse der von ihm initiierten Gesichtsrekonstruktionen des prähistorischen Mädchens aus dem Uchter Moor.
Das in den letzten Jahrzehnten weit fortgeschrittene Wissen über die menschliche Anatomie, das individuelle Wachstum und die Einflüsse der Ernährung auf die körperliche Entwicklung unter Berücksichtigung sozio-kultureller Faktoren ermöglicht es, Aussagen über morphologische Gestaltungsparameter beim Menschen zu treffen. Dabei hat die mit Hilfe technischer Verfahren wie dem Ultraschall, CT oder MRT herstellbare Transparenz zwischen dem Skelett und der äußeren Hülle des Körpers neue Wege geebnet. So ist es möglich geworden, den Menschen auch noch lange Zeit nach seinem Tod virtuell zurück in seine ursprüngliche Gestalt zu versetzen.
Welche Möglichkeiten der methodischen Umsetzung sich hierbei ergeben, belegen eindrücklich die Gesichtsrekonstruktionen des Mädchens aus dem Uchter Moor.


Foto: C. S. Fuchs, NLD
Mooras Schädel wurde durch die
Torfstichmaschine fragmentiert
Herrn Sascha Scheuermann entstand ein neuer Datensatz für das vollständige Schädelskelett, der dann die Ausgangsbasis für ein 3D-Druckverfahren (Rapid-Prototyping) bildete, mit dessen Hilfe die Replik des knöchernen Schädels hergestellt werden konnte. Im weiteren Verfahren wurden unter der Koordination des Rechtsmediziners Prof. Dr. Klaus Püschel unter Anwendung unterschiedlicher Rekonstruktionsverfahren von fünf Wissenschaftlerinnen Gesichtsrekonstruktionen angefertigt. Drei dieser Arbeiten entstanden

Foto: NLD
nach der sogenannten Manchestermethode durch Dr. Kerstin Kreutz (Wettenberg), Sabine Ohlrogge (Hamburg) und Dr. Caroline Wilkinson (Universität Dundee, Schottland) als Vollplastiken. Eine Rekonstruktion wurde in zeichnerischer, zweidimensionaler Darstellung durch Frau Steffi Burrath (Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt, Magdeburg) erstellt und zwei als 2D- bzw. 3D-Rekonstruktionen mittels computertechnischer Animation durch Frau Caroline Wilkinson und Frau Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen (Univ. Freiburg).
Mit diesen Rekonstruktionen wird über das rein wissenschaftliche Interesse hinaus das Kennenlernen eines Menschen aus der vorrömischen Eisenzeit von Angesicht zu Angesicht an den Grenzen des Sichtbaren ermöglicht.“

Text mit freundlicher Genehmigung des NLD aus: www.archaeologieportal.niedersachsen.de/moora/gesichter.htm


Gesichtsrekonstruktionen des Mädchens aus dem Uchter Moor
Links: Steffi Burrath, Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt, Magdeburg
Rechts: Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen, Univ. Freiburg
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Fotos: NLD

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Steffi Burrath vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt in Magdeburg erläutert auf der Pressekonferenz das Verfahren
(Foto V. Minkus/NLD)

 


Wie sah das Uchter Moor vor 2700 Jahren aus?
Rekonstruktion der prähistorischen Landschaft

„Der Paläoökologe Dr. Andreas Bauerochse vom NLD, Koordinator des Mooraprojektes, erläuterte in der Pressekoferenz am 20.1.2011, wie er und seine Arbeitsgruppe die Landschaft des Uchter Moores zur Zeit der vorrömischen Eisenzeit im ersten vorchristlichen Jahrtausend rekonstruiert haben.
Weite Teile Nordwestdeutschlands sind auch heute noch von Mooren bedeckt, auch wenn sich dieses dem Betrachter nicht auf den ersten Blick erschließt. Dort, wo sich noch bis ins letzte Jahrhundert hinein weite Sumpflandschaften erstreckt haben, finden sich heute ausgedehnte Maisfelder, Grünland, Getreideäcker und Torfabbauflächen.
Die Moore entstanden nach dem Abschmelzen der Inlandgletscher zum Ende der letzten Eiszeit, vor über 12.000 Jahren. In den nachfolgenden Jahrtausenden dehnten sie sich mehr und mehr in der Landschaft aus und beeinflussten so zunehmend das Leben der Menschen; sumpfige, morastige Landschaften, in denen es einerseits oftmals nur schwer möglich war sich fortzubewegen, die andererseits aber aufgrund ihres Ressourcenreichtums an Wasser, Sammelfrüchten und als Jagdgebiet für die Menschen sicherlich große wirtschaftliche und darüber hinaus wohl auch sakrale Bedeutung hatten.
Mit dem beginnenden Abschmelzen der Inlandgletscher, vor über 15.000 Jahren, hat zum Ende der letzten Eiszeit in Nordwestdeutschland auch die Moorbildung eingesetzt. In den nachfolgenden Jahrtausenden haben sie sich mehr und mehr ausgedehnt. Insbesondere mit der einsetzenden Bildung von Hochmooren und deren Ausbreitung, im Verlauf der vergangenen etwa 8000 Jahre, wurde der Lebensraum der Menschen zunehmend beeinflusst. Auch wenn diese Entwicklung für die Menschen mit dem Verlust potentieller Siedlungsflächen verbunden war, so waren die Moore insbesondere in vorgeschichtlicher Zeit aber auch wertvolle Lebensräume: zwar war es einerseits oftmals schwer sie zu überqueren oder sich in ihnen fortzubewegen, andererseits besaßen sieaufgrund ihres Ressourcenreichtums an Wasser, vitaminreichen Sammelfrüchten und als Jagdgebiete große wirtschaftliche und darüber hinaus wohl auch kultisch-sakrale Bedeutung.
Mit der Entdeckung des Mädchens aus dem Uchter Moor, dem ersten Fund einer Moorleiche in Deutschland nach über 50 Jahren, stellte sich eine Vielzahl von Fragen: Woher kam das Mädchen und wohin wollte es, gibt es Hinweise auf Nutzungen oder Siedlungen im Umfeld des Moores und wie hat das Moor, wie hat die Landschaft im Umfeld des Großen Moores bei Uchte zu Lebzeiten von "Moora" ausgesehen?

Zur Beantwortung dieser Fragen erfolgten umfangreiche Geländeuntersuchungen und Laboranalysen. Ein Ziel war die Rekonstruktion des Lebensumfeldes des Mädchens durch die Arbeitsgruppe um Dr. Andreas Bauerochse am NLD. Über 5000 Bohr- und Höhenpunkte aus dem Uchter Moor und den angrenzenden Gebieten wurden ausgewertet und Bohrprofile aus dem Moor im Hinblick auf Pollen-, Sporen- und botanischen Großrestgehalte hin untersucht. Zur archäologischen Prospektion von Siedlungsplätzen erfolgten Geländebegehungen durch die Arbeitsgruppe Moorarchäologie des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege unter der Leitung von Alf Metzler M.A. sowie durch das Seminar für Ur- und Frühgeschichte den Universität Göttingen. Zur Altersbestimmung wurden 14C-Datierungen in Auftrag gegeben.

Auf der Grundlage der Ergebnisse ist es der Gruppe um Andreas Bauerochse erstmalig gelungen, ein 3D-Geländemodell einer Moorlandschaft zu erstellen, das die Umweltsituation einer Jahrtausende zurückliegenden Epoche, zur Zeit der vorrömischen Eisenzeit, abbildet und konkrete Vorstellungen über damalige Moormächtigkeiten und -ausdehnung vermittelt. Danach war der Moorkomplex zu Lebzeiten "Mooras" kleiner als heute. Von den Seiten ragten Landzungen halbinselartig in die Sumpflandschaft, und Mineralbodenkuppen erhoben sich wie Inseln aus dem Moor. Die Gegend war besiedelt. Und wenngleich in der Landschaft bisher nur wenige Hinterlassenschaften menschlicher Aktivitäten aus der vorrömischen Eisenzeit gefunden werden konnten, so weisen doch die Pollendiagramme derartige Aktivitäten aus.

Während die Pollenprofile für die Bereiche der Mineralbodeninseln im Moor und die nördlich an das Moor anschließenden Bereiche mit der Abbildung aufgelichteter Laubmischwälder vor allem weidewirtschaftliche Aktivitäten widerspiegeln, bildet sich im Süden und Osten des Moores zu Lebzeiten des Mädchens auch Getreideanbau und damit deutlich die Besiedlung des Landschaftsraumes im Pollenaufkommen ab. Ergebnisse, die sich mit der archäologischen Fundsituation in dem Gebiet decken.“

Text mit freundlicher Genehmigung des NLD aus:
www.archaeologieportal.niedersachsen.de/moora/landschaftsrekonstruktion.html


Das Bild des 3D-Geländemodells zeigt die Moorausdehnung und -mächtigkeit des Großen Moores bei Uchte zu Lebzeiten des Mädchens aus dem Uchter Moor. In Grün sind die Ausdehnung des Hochmoores sowie die Moormächtigkeiten (hellgrün = Torfmächtigkeiten < 1m bis dunkelgrün = Torfmächtikgeiten > 2m), in Gelbgrün die Niedermoorbereiche dargestellt. Die hell- bis dunkelbraunen Flächen zeigen die Mineralbodenbereiche in Abhängigkeit ihrer Höhenlage (Grafik A. Niemuth, NLD)

 

 


Impressum, Wolf Schröppe, Darlaten 55, 31600 Uchte, info@moorschmied.de